27
Feb
2007

AURIS

ich weiß nicht ... soll man es nun peinlich finden oder eben gerade äußerst subtil, wenn eine werbecampagne für ein automobil thematisch ganz auf das sehen abgestellt ist ("augen auf"), der produktname (auris) aber das lateinische wort für "ohr" ist und also sprachlich nicht den visuellen, sondern den auditiven kanal evoziert?


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siam - 27. Feb, 18:30

kann es nicht auch eine Gen-Form von "Gold" sein? Ich erinnere mich nur vage :) Aber hab heute die Werbung an der Bushaltestelle gesehn.

Unke - 28. Feb, 09:47

die werbung ist dermaßen aufdringlich ubiquitär, daß ich schon wieder kopfschmerzen bekomme.

zu deiner frage: möglich ist nur dat. oder abl. plural (nom. sg. aurum), was bei einem massennomen wie gold schwierig in der interpretation wäre ("goldsorten"? "nuggets"? "gegenstände aus gold"?). was formal noch ginge, wäre dat. oder abl. plural von aura "Hauch", "Lüftchen", "sanfter Wind". aber im kontext des werbetextes wäre es sowieso der falsche kasus: augen auf AURIS, wo ich AURIS als objekt zur präposition auf lesen möchte, was im deutschen (oder beim lateinischen äquivalent ad) einen akk. erfordern würde. dieses erfordernis ist bei auris jedenfalls erfüllt, da der akk. pl. der i-dekl. klassisch auf i:s geht (mit langem i). also lese ich den spruch: "augen auf ohren".

nun, ich denke, die werbefritzen haben kreativisierend nicht halb so viel mühe auf syntax und semantik verschwendet, wie wir uns hier rätselratend machen, und wahrscheinlich einfach irgendwas wohlklingendes im gehirnsturm ersonnen.

daß werbefritzen mitunter schreiend danebengreifen können, zeigt so deutlich wie kaum ein anderes beispiel der produktname Phaeton. niemand, der die geschichte hinter diesem namen kennt, wird sich ruhigen herzschlags in diesen wagen setzen.
Unke - 1. Mrz, 09:40

da lagst du ja richtig mit deiner goldigen vermutung. jedoch, morphologisch gerät der automobilkonzern (bzw. die von ihm beauftragten werbeleute) auf abwege. also ist die formulierung der pressemitteilung, der name "erinnere" an lat. "gold" sehr richtig ...

siam - 1. Mrz, 09:48

Guten Morgen!
Um mehr als Assoziation geht es eh nicht. Die Erfahrung kannst du überall machen. Das exakte Wissen ist zu sperrig für außerhalb der Uni.
Ein Auto lateinisch zu nennen, ist aus ganz anderen Gründen nicht unproblematisch: Eine Eigenschaft lateinischer Namen ist, dass sie "rein" klingen. Damit kann man sie mit jeder Menge Bedeutung aufladen, sie klingen aber auch gleichzeitig schnell steril. Deshalb muss die drumrum aufbauende Werbung Bedeutung reinbringen, weil die meisten Leute nichts(!) mit -zB -"auris" verbinden. Ein Auto benennt man generell häufiger nach Wildnis-Begriffen, die sprechen für sich.
Talakallea Thymon - 1. Mrz, 10:23

guten morgen!

andererseits sind aber zu anderen zeiten sehr wohl morphologisch und semantisch zwar mitunter mehrdeutige, aber rekonstruierbare bzw. analysierbare namen verwendet worden. auch lateinisches war darunter, man denke an den begründer der firma Audi, ein mann namens Horch, was sich nun, im gegensatz zu der eins-zu-eins-en lateinischen übersetzung, nicht als firmennamen geeignet hätte. die form ist morphologisch durchsichtig und ergibt in genau dieser form sinn, nämlich als übersetzung des als common verb aufgefaßten proper nouns "Horch". das ist hintergründig, humorvoll und nur für eingeweihte zu verstehen. einerseits. andererseits ist es aber für die oberflächlichen unter den fahrern ein klangschönes gebilde. mit anderen worten: es ist vielschichtig, ohne durch oberflächenkomplexität diejenigen zu verwirren, die es gerne etwas einfacher haben.

das ist ein extrembeispiel und nicht einmal für anspruchsvollere äonen der werbegeschichte repräsentativ. aber zu beobachten waren moden, in denen das klassiche (griechisch & latein) für anleihen gut war. man denke an marken wie "omega" (gr. buchstabenname), "astra" (lat "sternbilder", "sterne", "himmel", "unsterblichkeit"). schwieriger wird es da schon bei vectra (femininum von vector?)

warum also steril? und jetzt hat Fiat sogar einen wagen mit dem trocken-grammatischen namen modus herausgegeben. und wenn ein fernsehsender vox heißen kann ... wie wäre es mit ein bißchen mythologie? man muß ja nicht gleich den dramatischsten fahrunfall der geschichte evozieren. namen mit schönen bezügen gäbe es genug. erinnert sei an die schnellfüßige Atalante.

überhaupt die moden. niemand könnte heute mehr ein auto nach dienstgraden der marine benennen (Kadett, Admiral), oder nach einem politischen amt (senator); doch immerhin bedeuteten diese namen noch etwas.

siam - 1. Mrz, 10:53

Haste auch wieder Recht.
In Dortmund haben sie einen neuen Stadtteil aufgezogen und ihn Phönix genannt :)
Mythologische Namen sind beliebt in Island. Die sind ja da auch umgeben von ihren Altvorderen. In D gibts die große Angst vor Pathos, die steht dem etwas im Weg.
Atalante wäre aber ein gutes Frauenauto (Kombi), Erhältlich in weiß, flieder und silber.
Unke - 1. Mrz, 11:02

jepp, das hört sich prima an! schon mal an die werbebranche gedacht als zukünftige einnahmequelle und finanzierungsgrundlage für bücher/theaterstücke/gedichtsammlungen?

ein stadtteil "phönix" ist schon klasse. aber angst vor dem pathos müssen die deutschen doch nur haben, wenn sie sich auf Odin, Thor und Freya berufen -- oder? die klassische antike ist doch über jeden verdacht erhaben ...

siam - 1. Mrz, 12:21

haha, ich arbeite doch gewissermaßen in der Werbebranche. Das Thema ruft eigentlich dazu auf, den inzwischen uralt gewordenen Brief an dich auf meinem Nachttischersatz mal weiterzuschreiben.
Und die klassische Antike erhaben? Wüsst ich nix von :) Ich hab mal nen griechischen Gott für einen Domainnamen vorgeschlagen (hab ich jetzt vergessen,welchen) und aus Pathosgefahr wurde er abgelehnt, obwohl er sonst beinahe ideal gewesen wäre. Stichwort "möglicherweise zu emotional".
Unke - 1. Mrz, 12:30

welchen hast du vorgeschlagen?

Pan?

tüte doch den brief ein und schick ihn ab wie er ist ...

siam - 1. Mrz, 15:35

nee, es war etwas mit M, und ich glaube es hatte mit Sehen zu tun.. ich weiß es nicht mehr. Habe ich irgendwo aufgeschrieben. Guck ich vielleicht nochmal nach.
Du verdienst einen richtigen Brief, Unke.. verhängnisvoller Gedanke. Aber ich will mich nochmal dransetzen. Nächste Woche ist Fastenwoche, gute Gelegenheit.

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