Liebste Freundin!
Ja, sicher, muß ich noch anmerken, ich koche auch lieber koreanisch oder so; aber manchmal denke ich, jetzt ist es genug, vor allem, wenn den Buchauslagen anzusehen ist, wie KRAMPFHAFT man sich bemüht, noch irgendeinen unbekannten Genuß zu finden oder zu erfinden, irgendeinen Trick, irgendwas NEUES, mein Gott! Da kann es schon einmal vorkommen, daß man alten Wein in neuen Schläuchen bekommt, oder aber völlig abstruses Zeug, was die Welt nicht braucht (zum Beispiel einen Wok: Ist ja soooo gesund, warum, weiß kein Mensch, macht man das richtig, dann schwimmt alles in Fett; klappt aber auch alles nicht, wenn man nicht eine Turbo-Gasflamme in seiner Küche hat. Trotzdem war der Wok, mit den entsprechenden Utensilien, Kochbüchern, Tricks und Tips etc, lange der letzte Schrei). In diesem Zusammenhang kann man bestimmt auch Jogging (statt Laufen), Walking (statt Gehen), Biking (statt Fahrradfahren) oder Chillen (statt Rumhängen) erwähnen. Ansonsten ärgert mich eben, daß 1.) alles, was neu ist, besser ist und 2.) alles, was anders ist, besser ist. Natürlich nur so lange, bis es nicht mehr anders ist. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an den Römertopf? War auch mal so eine Masche. Aber zu was anderem nun.
Gestern fand nämlich endlich unser vielverschobenes Literaturtreffen statt, in kleinem, um nicht zu sagen winzigen Kreise: Chr., V., Cl., T., ich selbst. Traurig traurig. Traurig außerdem, daß V. uns verläßt, um ihrem neuen Freund nach Berlin zu folgen und daselbst -- Werbetexterin zu werden. Ita est: Werbetexterin. Mir kommt das Grausen. Werbetexterin, einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich will mir gar nicht vorstellen, daß ich jemanden kenne und schätze, der beruflich den Müll produziert, den ich aus tiefstem Herzen verabscheue, einen Mist, aus dem, wenn ich ihn betrachte, die ganze Hohlheit, Unaufrichtigkeit, Nichtigkeit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit, Habgierigkeit dieser Welt in schrillster Weise auf sich aufmerksam macht. Es kann doch nicht im Ernst sein, daß denkende Leute (zu denen ich V. gerne rechnen will) sich nicht zu schade dafür sind, Blablatexte zu schreiben, im Auftrag irgendeiner Firma, die hofft, daß dann mehr Leute ihr Waschpulver oder ihre Fahrrad-, will sagen Bikingklamotten kaufen. Ich will mir nicht vorstellen, daß denkende Leute nicht begreifen, daß wir nicht immer mehr und immer mehr kaufen können -- nicht weil uns das Geld ausgeht oder weil es sinnlos ist, sondern weil die Vorräte an Dingen auf diesem Planeten unaufhaltsam zu Ende gehen und jede Betriebsamkeit, die sich auf ein Mehr stützt, auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt ist. Sieht das denn keiner, mein Gott? Was für eine Antwort geben diese Leute, zumal ich sie doch für vernünftig halte, auf die Frage, wie sich die Waschmittelindustrie "Wachstum" vorstellt? Und das mag noch angehen. Aber die Autoindustrie? Es hat doch schon jeder eins oder zwei. Mehr?. Und wo soll das auf Dauer herkommen, dieses Mehr? Und wo sollen diese Fahrzeuge fahren, oder besser: stehen? Darauf muß man doch eine Antwort haben, wenn man sein Leben daran hängt. Wenn ich begriffen habe, daß das Boot leck ist, wie kann ich ruhig schlafen, und sogar am Lock weiterpokeln? Das ist doch eine Frage, die, selbst wenn sie unser Leben noch nicht betrifft, unter den Nägeln brennen muß? Und wie verkraftet das V., die genau dort ihren Platz finden will, wo es darum geht, dieses Mehr in die ökologisch katastrophale Wirklichkeit umzusetzen; und genau dem Vorschub leisten will, was früher oder später, aber mit 100%iger Sicherheit, in die Hose gehen wird. Und ich schweige noch vom Zynismus und der Menschenverachtung, die mit diesem Geschäft verbunden sind; es ist für mich menschenverachtend, weil mit den Nöten der Menschen gespielt wird, die sich sehnen nach Dingen, die ihnen ein Produkt niemals wird geben können. Anstatt die Menschen in ihrer Not zu trösten, benutzt man diese Not, um darin einen Hebel zur Gewinnsteigerung anzusetzen. Ich kann mir kaum eine unehrenhaftere Tätigkeit vorstellen als diese.
Verstörten Gruß,
Unke
Gestern fand nämlich endlich unser vielverschobenes Literaturtreffen statt, in kleinem, um nicht zu sagen winzigen Kreise: Chr., V., Cl., T., ich selbst. Traurig traurig. Traurig außerdem, daß V. uns verläßt, um ihrem neuen Freund nach Berlin zu folgen und daselbst -- Werbetexterin zu werden. Ita est: Werbetexterin. Mir kommt das Grausen. Werbetexterin, einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich will mir gar nicht vorstellen, daß ich jemanden kenne und schätze, der beruflich den Müll produziert, den ich aus tiefstem Herzen verabscheue, einen Mist, aus dem, wenn ich ihn betrachte, die ganze Hohlheit, Unaufrichtigkeit, Nichtigkeit, Grausamkeit, Gleichgültigkeit, Habgierigkeit dieser Welt in schrillster Weise auf sich aufmerksam macht. Es kann doch nicht im Ernst sein, daß denkende Leute (zu denen ich V. gerne rechnen will) sich nicht zu schade dafür sind, Blablatexte zu schreiben, im Auftrag irgendeiner Firma, die hofft, daß dann mehr Leute ihr Waschpulver oder ihre Fahrrad-, will sagen Bikingklamotten kaufen. Ich will mir nicht vorstellen, daß denkende Leute nicht begreifen, daß wir nicht immer mehr und immer mehr kaufen können -- nicht weil uns das Geld ausgeht oder weil es sinnlos ist, sondern weil die Vorräte an Dingen auf diesem Planeten unaufhaltsam zu Ende gehen und jede Betriebsamkeit, die sich auf ein Mehr stützt, auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt ist. Sieht das denn keiner, mein Gott? Was für eine Antwort geben diese Leute, zumal ich sie doch für vernünftig halte, auf die Frage, wie sich die Waschmittelindustrie "Wachstum" vorstellt? Und das mag noch angehen. Aber die Autoindustrie? Es hat doch schon jeder eins oder zwei. Mehr?. Und wo soll das auf Dauer herkommen, dieses Mehr? Und wo sollen diese Fahrzeuge fahren, oder besser: stehen? Darauf muß man doch eine Antwort haben, wenn man sein Leben daran hängt. Wenn ich begriffen habe, daß das Boot leck ist, wie kann ich ruhig schlafen, und sogar am Lock weiterpokeln? Das ist doch eine Frage, die, selbst wenn sie unser Leben noch nicht betrifft, unter den Nägeln brennen muß? Und wie verkraftet das V., die genau dort ihren Platz finden will, wo es darum geht, dieses Mehr in die ökologisch katastrophale Wirklichkeit umzusetzen; und genau dem Vorschub leisten will, was früher oder später, aber mit 100%iger Sicherheit, in die Hose gehen wird. Und ich schweige noch vom Zynismus und der Menschenverachtung, die mit diesem Geschäft verbunden sind; es ist für mich menschenverachtend, weil mit den Nöten der Menschen gespielt wird, die sich sehnen nach Dingen, die ihnen ein Produkt niemals wird geben können. Anstatt die Menschen in ihrer Not zu trösten, benutzt man diese Not, um darin einen Hebel zur Gewinnsteigerung anzusetzen. Ich kann mir kaum eine unehrenhaftere Tätigkeit vorstellen als diese.
Verstörten Gruß,
Unke
von: Unke - am: 10. Mrz, 10:14 - in: Anmerkungen





